24.5.2022

Ich verstehe Apple nicht

von
Josip

Spinnt Apple jetzt eigentlich total? Und nein, ich meine nicht mein iPhone oder mein MacBook, sondern den großen IT-Riesen im Silicon Valley. Besser gesagt dessen HR-Verantwortliche und Führungsriege, die dem sonst so topmodernen Unternehmen eine neue Homeoffice-Regelung diktiert hat, als hätte es die letzten zwei Pandemiejahre nicht gegeben. Die Folge: eine Vielzahl an Kündigungen – darunter auch die des Aushängeschilds für „Maschinelles Lernen“ – Ian Goodfellow.

Doch noch mal auf Anfang: Ja, auch Apple hat die letzten Jahre seinen Mitarbeitenden die Arbeit im Homeoffice zum Pandemieschutz ermöglicht. Wäre ja auch gelacht, wenn das ein Technologieunternehmen wie Apple nicht hinbekommen hätte – schließlich verdienen sie damit ihr Geld. Im April 2022 wurden dann erste Lockerungen verkündet – die Mitarbeitenden sollen wieder einen Tag in der Woche ins Büro kommen. So weit, so gut. Doch schon kurze Zeit später wurden aus dem einen Präsenztag schon zwei und zu guter Letzt wurden drei Präsenztage ausgerufen. Und nicht nur das: Apple schreibt seinen Mitarbeitenden sogar vor, an welchen Tagen sie im Büro zu erscheinen haben. Ob die Mitarbeiter*innen damit einverstanden sind? Fragt Apple gar nicht. Klar kann die Apple-Führungsriege die Marschrichtung vorgeben – aber doch nicht mit steinzeitlichen Führungsmethoden und nicht mit dem Holzhammer. Und ja, ich gebe zu, dass dieses Thema sicherlich vor Corona nicht zum Stein des Anstoßes geworden wäre – denn da war das Arbeiten im Büro an 5 Tagen in der Woche eben noch normal. Inzwischen hat sich aber die Welt weitergedreht und wir haben alle gelernt: Es geht auch anders.

Wer Führungsmethoden von gestern lebt, bekommt auch Mitarbeitende von gestern

Wenn ich als Führungskraft eins die letzten Jahre gelernt habe, dann ist es das: Jeder Mensch ist anders und muss daher auch anders geführt werden. Gleiches gilt für die Arbeitsumgebung: Während der eine im Austausch mit anderen und im Gewusel des Büros total aufblüht, glänzt der andere am besten, wenn er allein zu Hause in Ruhe arbeiten kann. Das ist nicht nur eine Typfrage, sondern auch eine Frage der Tätigkeit. Nicht umsonst sind Programmierende gerne mal in ihrem Tunnel und schalten ihre Umwelt komplett aus. Wenn ich weiß, wie meine Mitarbeitenden am besten performen, dann sollte ich ihnen auch die Möglichkeit geben, das zu tun und ihnen ein Umfeld schaffen, in denen sie sich entfalten können. Wenn ich aber meine, eine allgemein gültige Regel über die Köpfe meiner Mitarbeitenden durchzusetzen, dann darf ich mich auch nicht wundern, wenn sie ihren Job auch nur nach Schema F durchspulen. Klar kann man sagen: „Frag‘ ich 100 Leute, bekomme ich auch 100 Antworten und Wünsche.“ Aber wie das Beispiel Apple zeigt, ist es wichtig, die Mitarbeitenden überhaupt anzuhören, auf sie zuzugehen und gemeinsam eine Lösung zu finden. Dann ist auch jede Seite kompromissbereit, auch wenn nicht alles wie gewünscht umsetzbar ist.

Was ich an Apples Stelle anders gemacht hätte

Ich müsste lügen, wenn ich sagen würde, dass ich die Hintergründe von Apples Handeln nicht verstehen würde. Ja, auch ich merke, dass durch die Arbeit im Homeoffice auch einiges verloren geht. Vor allem viel, was unsere Firmenkultur vor Corona ausgemacht hat. Und damit meine ich nicht nur das gemeinsame Feierabendbier oder die Kickerrunde in der Mittagspause. Sondern die vielen Austauschmöglichkeiten, die zwischendrin oftmals spontan entstehen. Sei es in der Küche, beim gemeinsamen Kaffee oder beim Gang zur Toilette, bei dem man kurz mal abgefangen wird. Man wusste einfach, woran die anderen arbeiten, konnte sich mal eben in der Mittagspause über ein Problem austauschen und bekam direkt Hilfe, weil andere das Problem schon kannten. Klar geht das auch über einen kurzen Anruf oder eine Teams-Nachricht im Gruppenchat. Aber mal ehrlich: Wer ruft schon die anderen an, um mal einfach kurz mit ihnen zu plaudern? Die Hürden sind doch höher als bei der persönlichen Begegnung im Büro. Auch innovative Ideen entstehen eher durch eine spontane Gruppendynamik als durch gezwungene Brainstorming-Sessions über Teams. Genauso wie komplett neue Impulse, an die man vielleicht noch gar nicht gedacht hat.

Ich kann verstehen, dass Apple diesen Bürospirit wieder aufleben lassen möchte. Aber bei der Umsetzung kann ich nur sagen: Setzen sechs. Viel mehr hätten sich die Verantwortlichen fragen sollen: Was kann ich meinen Mitarbeitenden im Büro bieten, das ihnen einen Anreiz gibt, zu kommen? Welchen Mehrwert kann ich schaffen, damit sie gerne und vor allem freiwillig kommen? Und wenn ich die Fragen nicht selbst beantworten kann, dann kann ich auch ganz einfach meine Mitarbeiter*innen fragen. Vielleicht hilft schon ein neues Meeting- oder Teamformat oder aber ein neuer Anstrich des Büros. Aber wichtig ist, dass man redet und gemeinsam einen Ort schafft, wo man gerne arbeitet. Ich bin davon überzeugt, dass dann die Mehrheit auch wieder gerne ins Büro kommt – ganz ohne strikte Vorgaben von oben. Wie bei so vielen Dingen im Leben ist es auch der Arbeitsalltag von einem Geben und Nehmen geprägt. Und das Geben und Nehmen sollte sich bei Arbeitgeber*innen und Arbeitnehmer*innen die Waagschale halten. Sonst kommt es zu einem Ungleichgewicht und es knirscht im Getriebe.

Mit starren Arbeitszeiten, Hierarchiedenken und Dienstwagen kann ich selbst meine Mutter nicht mehr überzeugen

Die Zeiten, als meine Mutter noch als Krankenschwester von Patient zu Patient gehetzt ist, sind lange her. Jetzt genießt sie ihren Lebensabend in unserer alten Heimat Kroatien. Die Arbeitswelt sah damals noch deutlich anders aus. Gerade im Krankenhaus war das Hierarchiegefälle zwischen Ärzten und Krankenschwestern noch deutlich zu spüren. „Normal“ würde meine Mutter heute sagen. Ich denke heute eher: „Nur, weil es als ‚normal‘ empfunden wird, heißt es noch nicht, dass es richtig ist. Nur weil ich auf dem Papier der Chef bin, heißt es noch lange nicht, dass ich alles besser weiß, dass all meine Entscheidungen immer richtig sind.“ Ich schätze es daher sehr, dass ich gemeinsam mit meinem Geschäftspartner Dennis Schwarzer und dem gesamten Team juunit gestalten kann. Dadurch bleibt das Unternehmen lebendig und man selbst agil im Kopf und verfällt nicht immer in die gleichen Muster. Dadurch, dass ich alle beim Gestaltungsprozess mit an Bord nehme, schaffe ich eine viel größere Identifikationsfläche, als wenn ich von oben alles einfach überstülpe. Ich merke zwar auch, dass nicht jeder vom Team gleichermaßen am Entwicklungsprozess partizipiert. Vielleicht weil es (noch) ungewohnt ist, vielleicht weil es auch einfach nicht sein oder ihr Ding ist. Aber das ist auch vollkommen ok so. Solange die gemeinsame Basis und die Verbindung zum Unternehmen bestehen bleiben und alle auf das gleiche Ziel zusteuern, passt das.

Hat Apple den War for talents schon verloren?

Wenn es so weiter macht, sicherlich. Mir scheint, als hätte der Tech-Gigant sich zu sehr auf seinen Lorbeeren ausgeruht. Als würde die Führungsebene noch auf ihrer Wolke schweben und glauben, dass jeder Mitarbeitende dankbar sein kann, dass er bei Apple arbeiten kann. Sorry, Apple, aber auch du kannst nicht mehr nur noch mit deinem Namen deine Jünger um dich versammeln. Längst haben die Arbeitnehmer*innen es in der Hand, wo sie arbeiten können. Fachkräftemangel lässt grüßen. Und gerade in der IT-Branche ist das ein Dauerthema. Ich weiß, wovon ich spreche. Aber jammern hilft nicht. Stattdessen heißt es: Flexibel sein – schließlich verlangen wir das ja auch von unserem Team tagtäglich. Dinge möglich machen, die vielleicht vorher unmöglich erschienen. Gestaltungsspielräume öffnen und Hierarchien abbauen. Denn um ehrlich zu sein: Davon profitiert nicht nur der einzelne Mitarbeitende, sondern das ganze Unternehmen und auch ich als Chef. Denn auch ich will als Chef ungestört Urlaub machen und Zeit mit meiner Familie verbringen. Und wenn ich nicht Verantwortung abgebe, dann werden Entscheidungen wie ein Boomerang immer auf meinen Schreibtisch zurückkommen. Deshalb liebe Apple-Geschäftsführer: Macht euch mal locker und lasst eure Mitarbeitende von der Leine. Im besten Fall kommen sie – symbolisch gesprochen – mit einem Stöckchen wieder. Und wenn nicht? Dann hätte Anleinen auch nichts genutzt. Denn Reisende sollte man nicht aufhalten.

Was ich an Apples Stelle also anders gemacht hätte: Ich hätte mit meinen Mitarbeiter*innen gesprochen und sie am Prozess partizipieren lassen. Und vor allem besser und klarer kommuniziert, warum mir die gemeinsame Arbeitszeit im Büro wichtig ist. Denn so wäre es nicht zu Missinterpretationen gekommen. Denn letztlich steht Apple nun als Unternehmen da, dass nur über Kontrolle führen kann und Angst vor Vertrauensverlust hat. Kein gutes Bild für ein Unternehmen, das vor allem für Innovation und Fortschritt stehen möchte.

P. S.: Apple hat übrigens inzwischen wieder von seiner strengen Homeoffice-Regelung Abstand genommen. Die Begründung: Steigende Corona-Fälle …

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